Über die Freundschaft
7.6.2006
Heute habe ich mich zum zweiten Mal mit jemandem getroffen, zu dem ich über new-in-town Kontakt aufgenommen habe. Das ist eine seltsam künstliche Art, einander kennenzulernen. Man sitzt dann da, und versucht Gemeinsamkeiten herauszufinden. „Und, was hörst du so für Musik?“, „Gehst du auch manchmal ins Kino?“ — ich dachte diese Sorte Fragen seien mit der Pubertät ausgestorben. Anscheinend nicht.
Ich glaube, die Logik der man dabei aufsitzt ist die, dass man möglichst viele gemeinsame Eigenschaften haben muss, um sich gut miteinander zu verstehen. Ich glaube das ist Quark.
Oli hört Metal und fährt Motorrad — nicht mein Ding. Marie spielt, hört und liebt klassische Musik — da hab ich so meine Mühe mit. Daniel ist, nun ja, viel ruhiger als ich… Ich könnte stundenlang so weitermachen. Der Punkt ist der: Ich verstehe mich mit diesen Menschen nicht deshalb weil wir so viel miteinander gemein haben, sondern weil wir etwas gemeinsam machen.
Bei diesen gemeinsamen Aktivitäten kommt es gar nicht so sehr darauf an, dass wir die gleiche Einstellung zu ihnen haben. Ja manche wären sogar stinklangweilig, wenn wir die selbe Einstellung hätten, sie werden erst dadurch spannend, dass wir einander ergänzende, konträre, oder was auch immer Einstellungen zu dieser gemeinsamen Tätigkeit haben.
Der Fachterminus dafür heißt Beziehung.
Und aus dieser Beziehung zur gemeinsamen Tätigkeit erwächst dann eine Dynamik, die Spannend ist. Wir stacheln einander an, gleichen einander aus, der eine stützt den anderen, …
„The relationships are more important than the elements“ (Gregory Bateson)
Ob, und wie so eine Beziehung zwischen zwei Menschen entstehen wird, kann man unmöglich herausfinden, indem man bloß die Eigenschaften der beiden Menschen abgleicht. Und es würde auch nicht helfen, Leute mit konträren Eigenschaften zusammen zu stecken. Das Konträre ist ja auch kein Garant für eine spannende Beziehung.
Ein Beispiel: Mein Vater und ich sind beides elende Perfektionisten und Besserwisser. Wenn wir zusammen basteln, dann haben wir ein irre Art, einander zu immer besseren Ideen anzustacheln, und es entstehen so Sachen, wie meine Küche oder die Werkstatt. Ein ähnliches Eigenschaftspaar gab es zwischen Annikas ex-Mitbewohnerin und mir. Wir waren beide Perfektionisten und Besserwisser, und wir haben einander gehasst.
Das einzige was also von Bedeutung ist, ist, etwas gemeinsam zu machen. Dann kann man sehen, ob die Beziehung, die dabei entsteht, spannend wird oder nicht. Und wenn sie so spannend wird, dass sie einem wichtig geworden ist, dann ist man befreundet. Noch so ein Fachterminus.
PS: Oli, wenn du das liest: Es macht nicht annähernd halb so viel Spaß, alleine die Welt zu erklären. :´-(
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1.
Gunnar | 8.6.2006 at 22:54
Aber dafür, dass Du die Welt momentan alleine erklären musst, trifft es den Nagel trotzdem ziemlich auf den Kopf. 90% von new-in-town ist außerdem in freudiger Hoffnung nun doch endlich den Partner für’s Leben zu finden. Und das definiert sich offensichtlich genau dadurch, dass eben schon von Anfang an alles „stimmen“ muss. Und dann spielt es schlichtweg nicht die geringste Rolle, ob Du Deinen Gegenüber gerade wegen Dingen spannend findest, die Du eben noch nie vorher in dieser Kombination kennengelernt hast. Die Chance den Anderen wiederzusehen liegt quasi bei Null, weil ja eben nicht gleich der Kosmos für zehn Sekunden stehen geblieben ist.
Von den vielen Möglichkeiten Leute kennenzulernen halte ich new-in-town für eine der Anstrengenderen.
2.
Daniel | 15.6.2006 at 15:49
Das kann – und muß – ich kontern… Ich sage nur:
„There´s no such thing as a one-sided coin“ (Neil Gaiman).
Deine Argumentation ist etwas einseitig geraten: Zum Einen ist es bei mir gar nicht so sehr der Fall, dass sich meine Freundschaften so sehr übers „machen“ definieren (Aber ich bin ja auch anders als Du
.
Und zum anderen und das ist der Gaimansche Punkt, wenn man so möchte: Die Dinge, die man zusammen macht, beruhen auf gemeinsamen Interessen: Mit Oli teilst Du z.B. ein Interese für schnell-mal-die-Welt-erklären, mit mir ein Interesse an scheinbar kruden Theorien, mit beiden eines am extrem-dumme-witze-reißen, mit Marie… naja, Du weißt, was ich meine. Es muss also eine gemeinsame Aktivität geben, die auf einem Interesse beruht.
Das Problem mit New In Town ist daher, dass es die falschen Kategorien abfragt. Anstatt „Gucker gerne Filme“ oder „Mag Musik“, müsste es Kategorien geben wie: „Stehe auf extrem flache Wortspiele“ oder „Erkläre gerne die Welt in fünf Minuten“ oder so.
Abgesehen davon, glaube ich nicht, dass man über new in town wirklich Freunde findet. Es funktioniert eher als eienArt Anker: Man lernt vielleicht jemanden dort kennen, mit dem man vielleicht mal ein Bier trinkt und lernt dann über diesen Menschen vielleicht einen Arbeitskollegen kennen und mit dem versteht man sich dann richtig gut.
Aber das können sie bei New in Town natürlich nicht zugeben.
Lieben Gruß
Daniel